Help with hurdles for refugees

Help with hurdles for refugees

29 August 2022 0 By globenews

Bild von Anja H.
Foto: privat

München (kobinet) Emine Kalali arbeitet im von der Aktion Mensch geförderten Projekt der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) “Welcome All! Engagement und Unterstützung für geflüchtete behinderte Menschen und ihre Familien fördern und vernetzen”. Zusammen mit Handicap International betreibt die ISL die Datenbank www.hilfsabfrage.de. Eminie Kalali hat den kobinet-nachrichten einen Bericht mit einem Interview mit einer Frau aus München zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, der zeigt, welch große Hilfe geleistet wird, aber auch welche Herausforderungen damit zum Teil verbunden sind.

Bericht von Emine Kalali

Seit April 2022 wird die Datenbank www.hilfsabfrage.de von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) und Handicap International (HI) betrieben. Viele Hilfsanfragen erreichen uns von Organisationen, geflüchteten Menschen selbst und auch von freiwilligen Helfer*innen, die von offizieller Seite allein gelassen werden und bei Ihrer Arbeit Unterstützung benötigen. Eine dieser Helferinnen ist Anja H., die sich entschlossen hat, zum Münchner Hauptbahnhof zu fahren und zwei Frauen bei sich und ihrer Familie in der Münchener Wohnung aufzunehmen. Ich durfte Anja H. kennenlernen und mit ihr gemeinsam eine Unterkunft für ihre Gäste finden. Heute hat sich Frau H. bereit erklärt, uns von ihren Erfahrungen zu berichten.

Zunächst möchten wir die Situation kurz erläutern.

Anja H. arbeitet selbst im sozialen Bereich und lebt mit Ihrem Mann und ihren zwei Kindern in München. Als der Ukraine-Krieg ausbrach, haben sie sich entschlossen, jemanden aufzunehmen. Angedacht war damals die Aufnahme einer Mutter und Kind, da Frau H. die Möglichkeit gehabt hätte, ein Kind direkt mit in dem Kindergarten aufzunehmen, in dem sie arbeitet.

Auf der Plattform Unterkunft-Ukraine.de hatte sich die Familie nun registriert und sollte angeben, wie lange sie eine Unterkunft anbieten könne. 3 Tage, 3 Wochen oder 3 Monate. Nach Absprache und Überlegung stellte Familie H. fest, dass sie 3-4 Wochen lang stemmen können und hofften, dass bis dahin eine dauerhafte Unterkunft für ihre Gäste gefunden werden kann.

Aus geplanten 3-4 Wochen wurden dann 11 Wochen und erst durch www.hilfsabfrage.de konnte der Kontakt zur KBZO Stiftung in Ravensburg hergestellt und die Frauen somit untergebracht werden. Wie es zu den 11 Wochen kam, und was Frau H. und vor allem die Frauen durchmachen mussten, darüber möchten wir heute berichten und dürfen Frau H. Fragen zu ihren Erfahrungen stellen.

Nachdem sich Familie H. registriert hatte kam irgendwann ein Anruf beim Partner von Frau H., zwei Frauen seien am Hauptbahnhof München angekommen, und bräuchten eine Unterkunft. Nach kurzer Rücksprache wurde nicht lang gezögert und eine erwachsene Frau mit ihrer ca. 75 jährigen Mutter aufgenommen. Was niemand wusste war, dass die Frau eine schwere psychische Erkrankung hatte und auf starke Medikamente angewiesen war, die schnell besorgt werden mussten. Leider war zu diesem Zeitpunkt noch keine Regelung zur Krankenversicherung getroffen.

Emine Kalali: Frau H., wie haben Sie es geschafft, die notwendigen Medikamente für Ihren Gast zu erhalten? Was mussten Sie dafür tun und wie konnten Sie Hilfe dabei erlangen?

Anja H.: Als erstes musste ich die sogenannten Behandlungsscheine beim zuständigen Sozialbürgerhaus besorgen. Danach folgte das nächste Problem, 5 Ärzte im Umfeld hatten für „neue Patienten“ keine Kapazitäten. Es war wirklich traurig zu erleben, wie wenig sozial unsere Welt ist, sobald ich ausgesprochen hatte, dass es sich um ukrainische Gäste handelt, hatte keiner einen Termin frei.

Schließlich hatten wir einen Termin bekommen und die Ärzte haben sich wirklich bemüht, alle notwendigen Medikamente zu übersetzen. Leider war ein wichtiges Neuroleptikum nicht vom Hausarzt zu bekommen, daher brauchten wir einen Termin beim Neurologen.

Einen Facharzttermin in München zu bekommen, ist schon für Ortsansässige ein Graus. Mein Mann telefonierte noch am Abend mit etlichen Ärzten und bekam schließlich im Umland einen Termin. Wir waren wirklich alle sehr angespannt, da es sich um eine tägliche Medikation handelte und es tatsächlich nur noch eine letzte Tablette gab.

Emine Kalali: Als die Medikamentenversorgung geregelt war, ging es nun irgendwann natürlich auch darum, wo die Frauen dauerhaft unterkommen können. Sie haben mir von verschiedenen Erfahrungen erzählt, unter anderem, dass Sie die Frauen einfach am Hauptbahnhof absetzen sollen oder von Flüchtlingsunterkunft zu Unterkunft fahren und nach freien Pritschen fragen sollen. Können Sie den Verlauf nochmal berichten?

Anja H.: Mir war ziemlich schnell klar, dass die zwei Frauen etwas mehr Unterstützung benötigen würden. Durch meinen beruflichen Hintergrund hatte ich Kontakte zu sämtlichen sozialen Trägern. Leider ohne Erfolg. Die Standardantwort war: „Das tut mir sehr leid für Sie und Ihre Gäste, aber wir sind dafür nicht zuständig. Wenden Sie sich bitte an den Hauptbahnhof.“

Ich hatte gefühlt jede Hotline angerufen und jede vorhandene Anlaufstelle per Mail kontaktiert. Niemand fühlte sich verantwortlich. Ich konnte und wollte die zwei Frauen auf keinen Fall zurück zum Hauptbahnhof bringen. Das ist wie ein Tier ins Tierheim bringen. Außerdem musste ja unbedingt jemand von den besonderen Bedarfen der Damen erfahren. Wir waren wirklich verzweifelt, wie es weiter gehen sollte. Nach langem ein Hoffnungsschimmer, ein Seniorenwohnen hätte die Mutter aufgenommen. Aber eine Trennung der Zwei kam nicht in Frage.

Nach Wochen der Bemühungen bin ich dann auf Hilfsabfrage.de gestoßen. Was für ein Glück! Endlich hat mir jemand zugehört, mich verstanden, den Bedarf der Damen erkannt und mir schließlich geholfen. Über Hilfsabfrage.de haben wir den Kontakt zur KBZO Stiftung in Ravensburg herstellen können, die die Frauen gemeinsam aufgenommen hat. Viele andere Stellen waren nur bereit, die Mutter und Tochter getrennt aufzunehmen. Wir sind sehr froh, nun eine gemeinsame Lösung gefunden zu haben.

Emine Kalali: Sie sind weiterhin mit den Frauen im Kontakt, wie nehmen Sie die jetzige Situation wahr?

Anja H.: Die Frauen erhalten dort sehr viel Unterstützung (medizinisch, freizeitpädagogisch, mit der Bürokratie…) und es geht ihnen gut. Dennoch fällt es ihnen schwer, sich in einer großen Institution zurecht zu finden. Schon wieder eine neue Stadt, neue Menschen … Mit 75 Jahren zu flüchten, mit einer kranken erwachsenen Tochter im Gepäck, alles zurück zu lassen, und hier zurecht zu kommen, das ist wirklich eine große Leistung. Ich weiß, dass sie dort in guten Händen sind. Das macht uns alle sehr froh. Auf Dauer hätten meine Familie und ich das nicht stemmen können.

Emine Kalali: Frau H. Sie haben mir erzählt, dass Freund*innen von Ihnen nach Ihren Erfahrungen gefragt haben und Sie sich schwer tun, die Aufnahme von geflüchteten Menschen weiterzuempfehlen. Nicht wegen den Menschen, sondern aufgrund Ihrer Erfahrung und der mangelnden Hilfe für die Ehrenamtlichen. Möchten Sie dazu noch etwas sagen? Und vielleicht sagen, was Sie sich stattdessen gewünscht hätten und für die Zukunft wünschen?

Anja H.: Ja, eine wirklich heikle Frage. Menschlich würde ich es sofort wieder tun, und auch jedem „empfehlen“. Allerdings hat man wirklich viel Bürokratie zu bewältigen, ggf. Traumata, Krankheiten die einem begegnen. Aber der wirkliche Knackpunkt ist, dass man allein gelassen wird. Hilfsbereite Bürger nehmen Menschen auf, aber niemanden interessiert es, wie es weiter geht. Wohin nach Wochen oder Monaten mit den Gästen? Eine Wohnung in München finden? Fast unmöglich und leider auch nicht vorgesehen. Die Gäste sollen aufs Land verteilt werden. Die Unterkünfte, völlig überlaufen und teilweise schon wieder geschlossen. Bekannte haben ihre Gäste immer noch bei sich wohnen, nach fast 6 Monaten. Ich frage mich, wer kann das leisten und stemmen?

Mein Fazit, ein schöner Gedanke Geflüchteten ein Zuhause zu geben, aber leider nicht ganz zu Ende gedacht. Irgendwer müsste nach ein paar Wochen zuständig sein, wenigstens nachfragen, wie es geht und ob bzw. welche Hilfe benötigt wird.

Emine Kalali: Ich bedanke mich für Ihr Engagement und ihre Zeit, heute mit mir darüber zu sprechen.

Link zur Datenbank www.hilfsabfrage.de

Link zum Liveblog Flucht und Behinderung


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